Herzlich willkommen
Liebe Glaubensgeschwister, liebe Leser,
die Atmosphäre ist geladen. Manch einer hat Angst, dass die Stimmung gleich kippen könnte. Und dann gespannte Stille. Hunderte Augen von Männern mit weißen Hemden sind nach vorne auf die Bühne gerichtet, als ein Mann mit seiner Gitarre in das gleißende Licht der Scheinwerfer tritt. Ein paar gespielte Akkorde und Liedstrophen später bricht der ganze Raum in frenetischen Jubel aus. Es wird gejohlt und in die Hände geklatscht. Und zumindest für diesen Moment ist alles andere vergessen. Auch das man sich hier gerade in einem Gefängnis befindet.
Der Mann mit der Gitarre auf der Bühne ist kein Geringerer als die Country- und Pop-Ikone Johnny Cash, der nicht nur für seine Musik, sondern auch seine legendären Gefängniskonzerte berühmt war. Auf die Frage, warum er ausgerechnet an einem solchen Ort Konzerte gebe, antwortete er wohl mal: Zum einen,
weil das das beste Publikum sei. Zum anderen, weil ich Christ bin.
In meiner Jugend habe ich viel Johnny Cash gehört und sein bekannter „Folsom Prison Blues“ (zu Deutsch der „Folsom Gefängnis Blues“) war eines meiner ersten Stücke, die ich auf der Gitarre spielte. Ich musste an dieses Lied und die Filmaufnahmen seiner Gefängniskonzerte denken, als ich den Monatsspruch für Juni las.
Unser Monatsspruch ist aber nicht die einzige Stelle in der Bibel, in der von Gefangenen gesprochen wird: Jesus hat diejenigen als Gesegnete bezeichnet, die andere im Gefängnis besuchen. Denn – so heißt es bei Matthäus 25,40 – „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Damit hat Jesus sicherlich nicht nur die Menschen gemeint, die zu Unrecht ins Gefängnis gekommen sind. Ich glaube, Jesus hat auch gerade von den Menschen gesprochen, die wir nicht nur wegsperren, sondern auch am liebsten aus unseren Gedanken aussperren würden. Jesus – und davon erzählen viele biblische Geschichten – hat sich aber gerade den Menschen zugewendet, die Schuld auf sich geladen haben, die unbeliebt waren und mit denen viele gar nichts zu tun haben
wollten. Jemanden außen vor lassen, ist oft schnell und einfach getan. Doch jeder von uns kann in Situationen kommen, in denen er sich gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst an anderen schuldig macht. An die Gefangenen zu denken, heißt nicht eine Tat gutzuheißen. Das muss auch nicht gleich Vergeben oder Verzeihen bedeuten. Nachfolge Jesu heißt aber, ein bestimmtes Bild vom Menschen zu haben. Ja, ganz grundlegend den anderen überhaupt noch als Menschen
wahrzunehmen. Denn wir alle sind angewiesen, mit Würde und Respekt behandelt zu werden und manchmal (auch unverdient) wieder aufs Neue eine Chance
zu bekommen.
Ihr Pfarrer Sittner